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„Wo zu viel erklärt wird, da staunt niemand mehr.“ (Eugène Ionesco)

Immerzu verlangen wir für alles Erklärungen. Wir möchten verstehen, wie alles zusammenhängt. Doch Vieles im Leben ist nicht zu erklären. Als Erstes fällt mir dazu der christliche Glaube ein. Selbst die Bibel ist keine Anleitung, die wissenschaftliche Beweise darlegt, wie Leben gelingt. In der Heiligen Schrift wurden Glaubenserfahrungen von Menschen aufgeschrieben, die sie mit Gott, Jesus und dem Glauben in alltäglichen Lebenssituationen gemacht haben. Etwas hat diese Menschen in vielen Jahrhunderten so stark berührt, dass sie es erzählen müssen. Jedoch ist es unmöglich, alles zu begreifen, geschweige denn zu erklären. Es bleibt bis heute ein „Geheimnis des Glaubens“.
Die Bibel endet jedoch nicht mit den Texten, die dort geschrieben stehen und mit den Menschen, die zur damaligen Zeit gelebt haben. Sie wird bis heute immer wieder weitergeschrieben. Das Leben der Heiligen dient als Zeugnis dafür. Sie haben in der Nachfolge Christi buchstäblich „ihr Leben auf’s Spiel gesetzt“. Heilige sollen uns ermutigen heil zu werden: Sie können als Vorbilder dienen das Potenzial jedes Einzelnen zu entdecken und für gelingendes Leben in der Weltgemeinschaft einzusetzen. Als konkretes Beispiel dient auch der heilige Franziskus von Assisi, dessen Gedenktag die katholische Kirche am 04. Oktober feiert.
Er ist als lebendiger Verfechter für „einfaches Leben“ ein Mensch, der vor allem in bzw. mit der Natur und auf der Straße lebt (vgl. Papst Franziskus I. in Evangelii Gaudium 198). Franz von Assisi ist unbequem, radikal und überaus menschlich. Für ihn zählt Aufrichtigkeit und innere Haltung, nicht jedoch äußerlicher Reichtum und Schein. Er lebt glaubwürdig als Armer unter Armen. Franziskus setzt sich sehr für die Schöpfung Gottes und alle seine Geschöpfe ein und lebt leidenschaftlich, was Jesus in Mt 18,3 fordert: „Amen, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen.“ Immer wieder ermuntert er die Menschen, sich Neugier und Anfängergeist zu bewahren!
Ausgehend von dem authentisch gelebten Glauben des Franziskus gesellen sich bald viele Brüder zu ihm und die Gründung des Franziskanerordens lässt nicht lange auf sich warten. Die Franziskanische Spiritualität ist „katholisch“, also allumfassend. Sie schließt nichts aus, auch nicht das Negative. Denn Gott will uns gerade in Schwäche und Krankheit, Ohnmacht und Armut begegnen. In einer radikalen Haltung, wie Jesus sie gelebt hat, wird Platz geschaffen für eine Kraft, die es möglich macht, die „ganze Welt in Aufruhr zu bringen“ (s. Apg 17,6). Dieser Kern der frohmachenden Botschaft macht es möglich, Dunkles und Schattenhaftes in der eigenen Auseinandersetzung im Menschen zu wandeln. Franziskus schreibt in seinem Testament 4: „Und nachdem mir der Herr Brüder gegeben hatte, zeigte mir niemand, was ich zu tun hatte, sondern der Höchste selbst hat mir geoffenbart, dass ich nach der Form des heiligen Evangeliums leben sollte“. Ein solcher Perspektivwechsel eröffnet der Kirche im 13. Jh. den Raum, dass persönliche Erfahrung stattfinden kann. Somit wurde ein Rollenwechsel von der Verwalterin und Vermittlerin zur Ermöglicherin bewirkt. Im Volk entwickelt sich schnell eine große Verehrung, die zu einer Heiligsprechung in Rekordzeit verhalf.
In der Zeit des Umbruchs kann auf diesem Hintergrund auch uns als Wegweiser dienen, was bereits Paulus an die Korinthische Gemeinde schrieb: „Gott hat ein helles Strahlen in unsere Herzen gegeben, so dass wir das Leuchten der Gegenwart Gottes im Angesicht des Messias Jesus erkennen. Doch diesen Schatz haben wir in zerbrechlichen Gefäßen. So stammt die alles übersteigende Kraft von Gott und nicht von uns. Von allen Seiten werden wir bedrängt, doch wir haben Raum. Wir wissen nicht weiter, doch wir verzweifeln nicht.“ (2 Kor 4,6b-8).
Dementsprechend können wir darauf vertrauen, dass Gott anders ist, wenn auch fremd. Er bewahrt vor Flucht in eine Scheinwelt und vor dem Irrtum alles kontrollieren zu können. Im Vertrauen darauf, dass für Gott nichts unmöglich ist und wir gehalten sind von Gott dürfen wir uns darauf einlassen und loslassen, gemäß dem Motto von Richard Rohr: „Denn wer loslässt, wird gehalten!“
Gemeindereferentin Pia Groh